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Das Mix-Tape

Heute Abend habe ich gehörig Staub geschluckt! Ziel meiner Aktion war es, Songs, die auf einer Leer-Cassette sind, als CD zu brennen. Dabei handelt es sich nicht um irgendeine Cassette, nein, nein. (Übrigens, der Duden schreibt Cassette mit „K“, also Kassette, doch als diese Medien noch in Gebrauch waren, schrieben nur die Mädchen Cassette mit „K“!)

Es war 1991. Ich stand kurz vor dem Abflug zum Studium. Fliegen ist übertrieben, ich fuhr mit der Deutschen Bahn. Ich hatte jedoch noch einige Monate bis zum Start des ersten Semesters. In der Zeit könnte man ja was Geld verdienen, nicht wahr? Wie genau ich akquiriert wurde, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Aber bei uns kannte ja eh jeder jeden, und dass ein CD-Geschäft eröffnet werden sollte, sprach sich rum wie der Blitz. Im Umkreis von hundert Kilometern gab es höchstens noch ein Handvoll anderer Leute, die dafür so prädestiniert gewesen waren wie ich, der Musikfreak.
Nun war der Laden, der wahrlich nichts anderes führte als CDs, noch nicht eröffnet. Der Besitzer installierte die Regale, gab eine Theke für die Kasse bei einer Tischlerei in Auftrag und dann fing die Sisyphusarbeit an. Nicht bloß die CDs nach Alphabet in die Regale stellen, sondern sie auch wegen Diebstahlschutz aus ihren Cases nehmen und in Softhüllen stecken, die dann aus den Schubladen der Theke beim Verkauf gefischt wurden. Falls das Verkaufsboard rechtzeitig fertig würde … Um es kurz zu machen, die Tischler lieferten eine prächtige Verkaufstheke – zehn Minuten nach dem der Laden das erste Mal öffnete.

Aber noch war ich in dem Laden und sortierte CDs. Ich strengte mich sehr an, obwohl mir die Zeit, die vielen Stunden, die ich investierte, wohl kaum angemessen bezahlt wurden. Was mir als Musikfreund da durch die Hände ging, hätte ich am liebsten gleich selbst gekauft. Das ging nicht. Aber mir kam eine Idee. Und jetzt sind wir bei der Cassette. In dem Geschäft gab es ein Radio-CD-Cassettenrekorder und ein Telefon. Ich rief zu Hause an und ließ mir meine jüngste Schwester geben: „Henry, geh doch mal zu meinen Sachen, da wo die Cassetten sind, da müsste eine neue leere sein.“ Warten. „Ja? Könntest du sie mir hierher bringen? Ja, im CD-Laden, wo vorher der Gemüseladen war. Ok. Tschüss!“

Wenig später kam sie und durfte sich auch staunend umschauen. Und so bespielte ich eine Seite des Tapes mit einzelnen Liedern verschiedener CDs. Aus dem Laden. Jede Cassetten-Seite braucht eine Beschriftung, das lernt man von Kind an. Zu Hause klebte ich einen Beschriftungsstreifen auf die Cassette, nahm eine Bleistift und schrieb: „All-die-guten-Sachen“, und weil verschiedene Lieder verschiedener Musiker eben schon ein „Mix“ sind, komplettierte ich: „All-die-guten-Sachen-Mix“!

Heute habe ich diese Cassette auch sehr schnell wiedergefunden. Um sie jedoch als gebrannte CD nachzubauen, bedurfte es sehr viel Wühlerei in meinen Beständen. Komischerweise habe ich einzelne Downloads aus dem Internet, die ich auf CD gebrannt habe (ich habe Festplatten nie vertraut), viel besser geordnet als reguläre CDs. Da sucht man sich tot! Einige Alben, die ich damals in dem CD-Laden aus der großen Auswahl entnommen habe, sind heute Sammlerstücke und werden für über 40 € verkauft. Dabei interessierte mich nur ein Titel. Es gab eine Zeit im Internet, da haben philanthrope User ihr Musikmaterial für umsonst zum Download bereitgestellt. Man musste halt nur etwas suchen und dann saugen. Das gibt es heute nicht mehr. Entweder greifen Urheberrechte oder man benutzt YouTube. Für mein Mix-Tape auf CD habe ich jedenfalls jeden Song in meinen Regalen gefunden. Unter dem Foto eine Track-List. Es ist eine etwas wüste Zusammenstellung. Aber spätestens nach dem 101. Durchlauf mag man nicht mehr von lassen! :-)

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All-die-guten-Sachen-Mix (ca. 46 min)
01. REO Speedwagon – One Lonely Night
02. Sheila E – Promise Me Love
03. Sheila E – Heaven
04. Kid Creole And The Coconuts – Sex Of It
05. Seal – Crazy
06. George Michael – Kissing A Fool
07. ZZ Top – Cheap Sunglasses
08. Georg Kranz – Din Daa Daa
09. The J. Geils Band – Centerfold
10. The Knack – My Sharona

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Leseprobe # 4

Auf unserem letzten Sem;kolon-Treffen haben wir uns als Stichwort für eine freiwillige Hausaufgabe das Wort „herausgerissen“ gestellt. Der folgende Text hat somit das Thema knapp verfehlt. Das ist nicht schlimm, besonders, wenn einen etwas anderes auf den Nägeln brennt.

Wenn morgen Klassentreffen wäre …

… würde ich heute anreisen und mich bei meinen Eltern einquartieren. Bei dieser Gelegenheit einen dankbaren Blick für meine Mutter, die die komplette Schulzeit durch meine Pausenbrote geschmiert hat. Jeden Morgen und mit Salami belegt. Abends eine mitgebrachte DVD mit Vater gucken. Bei Schrott auf allen Kanälen zeigen sie uns nicht mehr die guten Filme aus meiner Kindheit im Fernsehen. Von Don Camillo und Weltraumabenteuern.
Für das Treffen nach 30 Jahren leihe ich mir einen Schirm. Die Bewölkung verdichtet sich. Betrete das Lokal hinter der Kirche. Am Tresen die gleichen Männer an der gleichen Stelle mit dem üblichen Bier wie damals. Nur älter und weniger Haare.
Hinten im Saal die Mädchen und Jungen meiner Klasse. Petra, Veronika, Cornelia und Guido, Thomas, Markus. Jetzt Erwachsene. Bettina hat das alles organisiert. Hält verlegen eine kleine Rede. Wir applaudieren. Ich finde einen Platz bei meinen Kameraden von einst. Nicht weit von mir sitzt Steffi, die erste, mit der ich richtig ging. Verheiratet, zwei Kinder, Teilzeit berufstätig.
Während auf das Essen gewartet wird, machen in meiner Ecke alte Witze die Runde. Heute wohl Herrenwitze genannt. Guido schimpft auf seine Lehrlinge, doch ich erinnere mich nicht, dass er in Mathe selbst eine besondere Leuchte war.
„Was machst du?“, die Frage kommt von links. Von Frank. Stiller wird es. Oder ist es, weil alle ihr Essen bekommen haben?
„Ich habe in Münster studiert. Ich veröffentliche Bücher. In Anthologien bin ich vertreten, gebe aber auch Monographien heraus. Aber davon lebt man nicht, ich habe auch einen Bürojob.“
„Wann kommst du wieder zurück?“
Mir wird es peinlich. Bettina ruft jetzt zu einem Gemeinschaftsfoto auf, es sollen sich doch alle in Position stellen.
Ich weiß nicht, ob ich auf dem Foto gelächelt habe. Ich habe es nicht bekommen. Mein Wunsch ging unter. Als Frank freundschaftlich den Arm auf meine Schulter legt, bin ich weit weg. Prägung. Diejenigen, die mich in der Schulzeit so oft verprügelt haben, als ich mich noch nicht wehren konnte, haben dazu beigetragen. Hellwach zu sein und aufmerksam. Die Gefahr von Schlägen und Tritten war überall. Deshalb bemerke ich Dinge, an denen andere achtlos vorbei laufen. Beobachtungsgabe ist wichtig für einen Autor.
Ich verabschiede mich zu der Zeit, in der man anfängt, Korn zu bestellen. Auf dem Weg zu meinen Eltern bin ich froh, an den Schirm gedacht zu haben.

 

©hristoph Aschenbrenner; © Christoph Aschenbrenner

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