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Autor = Kritiker

Ich kritisierte jemandes Werk so:
„Welch eine Zumutung! Zu schlecht. Zu lang.“
„Wieso? Man kann doch schreiben, was man will.“
„Ja. Aber ich möchte nicht alles lesen, was es gibt. Nicht so eine Hühnerkacke!“
Da war jemand beleidigt.

Man kann therapeutisch schreiben. Und man kann professionell Literatur schreiben. Der Unterschied ist simpel. Das Erste ist persönlich, das Zweite kann öffentlich sein und kann in Buchform gekauft werden.
Wer einen aus therapeutischer Motivation heraus entstandenen Text einem Literaten zeigt, kann nicht erwarten, wertschätzende Komplimente zu bekommen. Die ergäben sich nur bei guter Literatur. Daher trennen beide Lager oft tiefste Gräben.

Bestimmt haben viele Schriftsteller aufgrund zeitweiligem Leidensdruck angefangen zu schreiben. Doch ein sehr hoher Prozentsatz der Schreibenden hat das wieder aufgegeben, als sie schlechte Kritiken bekamen oder ihr Leben wieder glücklicher war.

So leben diejenigen ihre Berufung aus, die sich selbstlos ihrer Kunst verschrieben haben.

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Im Keller

Licht. Spind Nr. 11. Stuhl. Tisch. Auf dem Estrich eine Pfütze.
Etwas ist undicht. Das sei normal nach all dem Regen, heißt es.
Licht. Spind 11. Stuhl. Tisch. Millionen Fragen.
„Welche Medikamente nehmen Sie jetzt?“
„Wie oft stellen Sie den Wechsel Ihrer Stimmung fest?“
„Wie schnell erfolgt das?“
„Wie schlafen Sie?“
Licht. Nr. 11. Stuhl. Tisch. Die Anderen.
„Hier kannste dir Kaffee nehmen bist der Arzt kommt.“
„Ich habe Depressionen, nur Depressionen.“
Licht. Spind 11. Stuhl. Tisch. Anruf nach Hause mit dem Handy.
„Heute gab es zum Mittag Hähnchengeschnetzeltes in Rahmsoße und dazu Gemüsereis. Lecker! Keine Sorge, ich verhungere hier nicht.“
Licht. 11. Stuhl. Tisch. Untersuchungen.
Puls. Blutdruck. Blut- und Urinproben. EKG.
Licht. Spind 11. Stuhl. Tisch. Therapien.
„Hier liegen einige Fotos mit geometrischen Formen.“
„Sie können malen oder zeichnen.“
„Nehmen Sie Farben, die Ihnen gerade zusagen.“
Licht. Spind. Stuhl. Tisch. Die Chance.
„Sie sind hier richtig und rechtzeitig zu uns gekommen.“
„Wie gut, dass Sie sich Hilfe geholt haben.“
Licht. Spind Nr. 11. Stuhl. Tisch. Hoffnung.
Alles wird wieder gut. Es kann nicht schlimmer werden.
Licht. Spind. Stuhl. Tisch. Tränen

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Von der Annahme, Hilfe anzunehmen

Wenn ich hier (allein) nicht gesund werde, muss ich woanders hin.
Durch Fürsprache – da brauchte jemand nur einen Anruf machen – habe ich nächste Woche einen Probetag. In der Tagesklinik.
Untersuchungen, Anwendungen und Therapien finden übertags statt, seine Freizeit kann man in der gewohnten Umgebung verbringen. Alles erst mal sacken lassen.
Ohne intensivere Hilfe pack‘ ich’s nicht mehr (allein) …

Ein Mann kommt zum Arzt mit schweren Depressionen. Der Arzt sagt: „Ich weiß, was Sie aufheitern könnte. Es gibt gerade einen Zirkus in der Stadt und der Clown dort ist fabelhaft!“ Darauf sagt der Patient: „Herr Doktor, der Clown bin ich.“

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Erste Sitzung

Die Dämmerung zeigt das Sonnenlicht in seiner wärmsten Farbe. Gold. Mit dem Wind heute den Tag über kletterte das Thermometer auf gerade 11 Grad. Meist blauer Himmel suggerierte Frühling.
Ich denke an Frau H. Ich sah sie heute das erste Mal. Die anderen Therapeutinnen, die ihre Klienten aus dem Wartezimmer aufriefen, hätten auch Models sein können. Groß, schlank, extravagant gekleidet. Ehrlich, was treibt sie an, ja, ich nenne es mal so, Dienst am Menschen zu tun?
Frau H. verspätete sich leicht, aber nur leicht. Und es war wie der Hauptgewinn. Klein, quirlig. Turnschuhe! Ihr Sprechzimmer das absolute Chaos. Heute war Therapiebeginn. Und sie machte es mir leicht. Sie sagte mir, gäbe es irgendetwas, was ich an ihr nicht mag, solle ich es ruhig sagen. Sie hatte Mut, offen zu sein, „frei Schnauze“ zu reden, und ich traute ihr Lebenserfahrung zu, während die anderen, die überkandidelten Modepüppchen, nie würden ihre Deckung herunternehmen und während ihres Studiums hatten sie alles nur auswendig gelernt.
Klar, nun lasse ich das alles schön sacken, wie angeordnet. Zu dem, was mir an ihr nicht gefällt, fällt mir nur ein jemand kürzlich Verstorbener ein. George Martin, der Toningenieur der Beatles. Er sagte dies der Gruppe bei den ersten Aufnahmen. Und einer flappste zurück: „Mir gefällt Ihre Krawatte nicht!“ Frau H. trug keine Krawatte. Ich habe zweimal geschaut.

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