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Per Anhalter

Wie bin ich eigentlich an einem Sonntag zu ihr gekommen? Richtig, Tom fuhr mich, setzte mich ab, wendete und machte sich auf den Rückweg.
Ingrid. Ich habe sie immer als eine Affäre zwischen zwei ernsthaften Beziehungen gesehen. Vor mir hatte sie schon viele Männer. Danach sicher auch. Ingrid kreiste immer um einen festeren Kern von Leuten, mit denen ich Spaß hatte und Partys feierte.
Ich war also wieder zu Besuch zu Hause und vor meiner Abfahrt zurück in die neue Stadt lag der Abend mit ihr.
Nach dem Sex machte sie Bratkartoffeln. Etwas, wobei ich nicht helfen konnte oder wollte. Es ist übrigens nahezu unmöglich, dass Frauen Sex und Liebe trennen können. Mir ist noch keine mit dieser Fähigkeit begegnet. Und in gewisser Weise geht mir das auch so.
Bratkartoffeln können eine Ewigkeit dauern. Und so übten wir, in einer Beziehung zu sein. Das ging voll daneben. Ich fragte ungeduldig, wann das Essen fertig wäre. Sie musste wiederholt betonen, dass es dauern würde. Damit ich meinen knurrenden Magen nicht mehr hören musste, legte ich eine neue CD auf, die ich mitgebracht hatte. Ich war ja damals schon Autor und wusste, diese Musik würde mich zu etwas inspirieren. Das fertige Essen kam dazwischen. Ich fand, dass einige Kartoffelscheiben noch roh waren. Sie am Tellerrand zurück zu lassen, war ein Vorwurf Richtung Köchin.
Danach widmete ich mich wieder der CD. Es war spät, sie rief zu Bett.
„Ja, gleich.“ Ich hatte schon Papier und Stift in der Hand …
Ingrid hat mich nur ins Bett bekommen, weil ihre Stimme im Bereich hysterischer Dissonanzen lag.
Ich konnte nicht einschlafen. Mir war schlecht.
Auch sie fand keinen Schlaf, doch sie änderte das. Um 3 Uhr nachts sprang sie auf, rannte zur Wohnungstür und sagte zu mir: „Raus!“ Niemand hatte es je gewagt, so mit mir umzuspringen. Ich respektierte ihren Mut – und ging sofort.
Unten auf der Straße fiel mir ein, dass um diese Nachtzeit weder Busse noch Züge fuhren. Autos waren auch selten unterwegs. Wie sollte ich verdammt noch mal zurückkommen? Auf keinen Fall ging ich zurück bei Ingrid klingeln. Für mich war diese Affäre beendet!
Ich fing an zu laufen. Wirklich niemand unterwegs. Ich kam bis zur Landstraße und auf ihr soweit, bis es anfing zu regnen. Da war eine Bushaltestelle, der nächste Bus jedoch erst in vier Stunden. Ich wollte auf das Ende des Regens warten. Ich war übermüdet, mein Stolz verletzt. Ich legte mich mit meinen Klamotten in eine trockene Ecke auf den kalten Boden des Bushäuschens und versuchte zu schlafen.
Geweckt wurde ich vom ersten Berufsverkehr. Diejenigen, die super früh los müssen. Ich hielt den Daumen raus. Es hatte noch nicht aufgehört zu regnen. Bald hielt schon jemand an. Ich war so dankbar, brachte aber kaum einen Ton heraus. In dem Auto war es schön warm. Der Typ war jung, langes, lockiges Haar und lächelte.
Am nächsten Bahnhof ließ er mich raus. Geld für ein Ticket hatte ich. Wieder Pendler zwischen denen ich saß und fast niemand redete. Für sie wiederholte sich die Woche bis Freitag, dann war Wochenende. Und ich? Wem sollte ich erzählen, dass mich Ingrid aus der Wohnung geworfen hat, weil ich nicht schlafen wollte?

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Rummikub

Der Typ da reißt Blätter vom Baum ab. Ich muss sagen, ich weiß nicht, was es für ein Baum ist, aber nicht nur die Blätter sind schön. Zwei Bäume dieser Art säumen den Eingang. Sie breiten ihr Blätterwerk wie Regenschirme aus, und genau so kann man sie nutzen, wenn man bei einem kurzen Sommerregen eine draußen rauchen muß.
Nachdem er ordentlich Blätter gerupft hat, kommt er zu mir rüber auf die gegenüber liegende Seite und wirft seine Beute ins Gras. Erläuternd meint er: „Jetzt kann man endlich wieder darunter her gehen.“ Ok, bei seiner Größe kann das ein Störfaktor sein. Gewesen sein.
Der Höhepunkt des Tages erwartet uns um 15 Uhr. Die Backgruppe soll einen guten Kuchen hinbekommen haben. Ansonsten Langeweile.
Ich habe mein chauvinistisches Gen wiederentdeckt, wenn wir uns darauf einigen können, dass der Begriff bedeutet, das Männergeschlecht als einzig akzeptables zu bewerten. Vielleicht auch ein Produkt latenter Langeweile.
Das Männer-Frauen-Verhältnis ist hier etwas zu Gunsten der Frauen. Das führt dazu, dass mir oft das Wort „Weiber“ entfährt.
Dieses eine Wort kann einen ganzen Kommentar beinhalten, je nachdem, wie man es betont. Und an welcher Stelle man es einsetzt. Eine der schönsten Reaktionen einer Frau war, dass sie gegen die Reemanzipation (des Mannes!) sei. Huch, von so etwas wusste ich noch nichts.
Aber auch das Chauvie-Spiel wird schnell langweilig. Noch anderthalb Stunden bis zum Kuchen. Zwei packen Rummikub aus, laden mich ein, mitzuspielen. Ich mache mit, auch wenn ich bisher noch kein Mal gewonnen habe …

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