Im Schlafzimmer

Heute zeigte er ihr alle Räume seiner Wohnung.
„Sie fragten mich doch, ob ich jemand bin, der noch CDs hat?“
Nicht ohne gewisse Schärfe bemerkte er das.
Er öffnete die Tür und sie betraten das Schlafzimmer.
Ein großes Bett, ein Fernseher, ein Stuhl. Ordentlich, sauber, aber …
In ihre Sprachlosigkeit hinein sagte er: „Musik ist mein Leben. Schon immer. Manche Songs haben sich untrennbar mit Erlebnissen verbunden. Wenn ich mich erinnern möchte, dann spiele ich die Lieder ab und tauche in die Stimmungen ein.“
An den Wänden Regale mit CDs. Überall. Mit Stapeln jede Ecke ausgenutzt. Es mussten hunderte Silberlinge sein. Ohne ein System würde man nichts wiederfinden.
„Sie spielen selbst?“, sie zeigte auf Gitarren und Ausrüstung.
„Ich versuche es. Das war meine allererste. Ich habe sie mal zerschmettert.“
Er wies zur Wand, wo eine Konzertgitarre hing, oder das, was von ihr übrig war.
An einem Gitarrenständer hob er ganz leicht eine schwarze E-Gitarre hoch und schulterte sie mit dem Gurt.
„Um die zu kriegen, habe ich mein komplettes Sparbuch aufgelöst. Da war ich 14“, lächelte er sie an.
„Swap“, machte es, als er einen Schalter am Verstärker drückte, der rot leuchten blieb.
„Spielen Sie in einer Band oder haben das mal?“
„Nie.“
Sie sah zum Stuhl. Er diente als Ablage für Decken und Pullover.
Stehend drückte er Knöpfe auf kleine, metallene Geräte am Boden. Aus der großen Box kam jetzt Rhythmus wie von einem echtem Schlagzeug. Er spielte etwas dazu, dann schaltete er mit dem Fuß alles wieder aus. Startete neu, tippte mit der Fußspitze noch auf ein, zwei weitere Effektpedale, um über den Loop Melodien zu spielen. Sie flogen ihm anscheinend spontan zu.
Also nicht nur Kopfmensch. Nicht nur ein gereizter, gestresster und überforderter Klient. Er stand vor ihr, irgendwie in sich horchend. Es kam nicht auf die Lautstärke an. Sie hörte Technik und Seele in seinen Fingern. Lebensbejahend, bisweilen wild und auch Tupfer von Traurigkeit.
Sie lächelte. Er hatte Tiefe. Und Größe.
Ihre nächsten Termine wurden mit reichlich Verspätung besucht.

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Depression, Nr. 142

Einsamkeit
verschlingt das Hirn
bohrt sich in dein Herz

Leer leer leer
Leblos und traurig
War es jemals anders?

Zweifel blenden
deinen Blick
stören die Gefühle
das Wissen ist weg

Wertlos und schuldig
Nie warst du genug

Menschlich
werden wir bleiben
zerbrechlich und hilflos
fliegende Träume und großer Fleiß

Niemand kann verbergen
die Rufe nach Trost

©hristoph Aschenbrenner

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Eingeordnet unter 2020, Lyrik

Die Wetterprognose

„Es könnte auch einfach nur am Wetter liegen“, sagte sie.
Ein Hochdruckgebiet war einem Tief gewichen. Und manche Menschen sind wetterfühlig.
Ungehalten schnaubte er nur.
Das Wetter ist ein moderner Gott. Mit dem man alles erklären kann, was man nicht erklären kann. Wer an das Wetter glaubt, der glaubt auch an Astrologie, Antioxidantien und den Lottogewinn.
Es war schon immer so, dass der Mensch die Wahrheit umgangen hat, um sich nicht der Erkenntnis und ihren Konsequenzen zu stellen.
Nein, das Wetter war es nicht. Er war nicht übermüdet und übelgelaunt – auch wenn es vordergründig keine Gründe gab – weil die fuck Sonne nicht schien.
Nach seiner Erfahrung tauchte das immer wieder auf, wenn er sich selbst zu viel zugetraut und bis zum Umkippen ruhelos gearbeitet hatte. Nur dass das Umkippen ein Zustand war, bei dem er sich zurück ziehen musste, niemanden hören oder sehen wollte und Ruhe brauchte. Andere kippen sich eine Kanne Kaffee rein, schimpfen auf das Wetter und machen weiter. Und sie werden umfallen wie die Fliegen.
Sein „Umkippen“ ist deshalb für andere nicht nachvollziehbar, weil es auch passiert, wenn alle Anstrengungen positiv waren. Dennoch verbraucht das Energie. Besonders, wenn diese Zeiten mit kaum Schlaf gesegnet sind.
Abgesehen davon sei die Welt komplett kaputt.
Sie lässt ihn grummeln. Wenn er es braucht.

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Freizeit 2020

Den Mundschutz mitgenommen.

Mein Rad. Meine Zeit.

Kein Ziel. Aber. Durch Wälder über Felder.

Wetter! Auf meiner Haut.

Musik im rechten Ohr.

Per Zufallswiedergabe. „Purple Rain“. Erwischt.

Bis hin zu einer gewissen Schwerelosigkeit.

DAS. Ist für mich
immer noch Freiheit.

©hristoph Aschenbrenner

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Lockdown – Niemand hört dich klagen

Nach Mitternacht. Dieser zähe Sonntag ist um. So oft habe ich schon die Play-Taste auf der Fernbedienung gedrückt.
Für den CD-Player, der jedoch ein DVD-Player ist, der nicht an einen Fernseher angeschlossen ist, sodass ich nicht im Menü die Wiederholungsschleife aktivieren kann.

Ich mache mir noch ein Notessen. Hab nichts mehr im Kühlschrank. Noch eine halbe Tüte Spätzle. Die koche ich. Mit Gewürzen und etwas Margarine lassen sie sich sicher essen.
Habe ich eigentlich Hunger?

Starte die Musik wieder.

Befinde ich mich in einer seelischen Erschöpfung? Spüre ich den Schmerz der Welt?
„In dieser besonderen Situation“, sagt man jetzt.

Play-Taste.

Wieder eine Mahlzeit allein. Wieder nur ich an einem Tisch, der auch für mehr gedacht ist. Niemanden zum Sprechen, zum Ansehen, zum Festhalten. Ohne Lachen. Nur mein Schmatzen.

Play-Taste.

Ich komme um. Ich komme um. Wenn mich der Virus nicht erwischt, dann der Wahnsinn.

Ich drücke „Play“.
Der erste Ton von Keith Richards Gitarre. Bass und Drums. Mick Jagger mal wehmütig, mal aggressiv. Ich ertrinke im Blues der Mundharmonika.

Ich weiß nicht mehr, wie alt ich bin.

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Fortgeschmissen

Was sie von dir halten,
sagen sie dir ins Gesicht.

„Na, du Penner! Wo kommst du angeschlichen?“
„Mann, kauf dir mal anständige Klamotten!“
„Wenn ich du wär‘, würd ich mich erschießen!“
„Jetzt hau ab! Verpiss dich!“

Du hast eine Unmenge Liebe,
aber sie wollen sie nicht.

In dir all die Liebe,
doch sie sehen sie nicht.

Würdest geben Liebe,
sie brauchen sie nicht.

Hättest du nicht all diese Liebe,
du wärst wie sie.

©hristoph Aschenbrenner

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Eingeordnet unter 2020, Lyrik

Schreckgespenst

Es gibt so viele Spinner unterhalb der Bühne. Und man ist von ihnen abhängig …
Liefert der Autor keinen exzellenten Vortrag ab, unterhält er nicht mit amüsanter Literatur, am besten leicht und humorvoll, dann bleibt Applaus aus, niemand kauft etwas am Bücherstand und beim nächsten Mal kommt keiner wieder.
Für mich ist das die Hölle!
Ich weiß, in mir, in dem Herrn mit der beginnenden Glatze, auch in der Frau mit lockigen Haaren, die ihre Brille braucht, aber nicht gerne trägt, in den Studenten, die neugierig hier her gekommen sind, steckt mehr als Literaturgeplauder. Ich kann mich selbst nicht mehr leiden!
Wir alle sind zu großen Taten und so schrecklichen Albträumen fähig. Warum sitzt ihr alle so brav vor mir und lasst euch das um die Ohren schlagen, als wäre mein Werk ein säuselnder Frühlingswind und kein Winterorkan?
Hört ihr nicht zu? Was hört ihr eigentlich wirklich? Spätestens seit meinem zweitem Absatz schleudere ich euch meine Verzweiflung entgegen, ihr verdammten Literaturkonsumenten!
Das schlimmste kommt noch. Am liebsten würde ich solange reden, bis auch der letzte eingeschlafen ist und ich mich leise davon schleichen kann. Geht nicht. Irgendwann trete ich aus dem Scheinwerferlicht und wandle unter euch.
Ihr schmeißt euch regelrecht an mich. Duzt mich, ohne dass ich euch kenne. Verlangt Unterschriften für bescheuerte Vornamen.
Und während ich diese bittere Pflicht erfülle, zieht mich von der Seite der Glatzkopf ins Gespräch, lobt mich mit zwei Worten und findet es interessant, von seiner Jugendliebe, den Gedichten zu referieren. Oder Gedichte für seine Jugendliebe?
Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für einen Herzinfarkt! Filmriss und Aufwachen in einem Sanatorium. Stille. Weiße Räume. Gestärkte weiße Kittel.
Hauer in der Zeche, Müllmann, Erzieher in der Kita, alles würde ich lieber machen als dieses Bad in der Menge, in dem Bakterien, Mikroben und Milben neues Terrain erobern. Ich hasse das, ich hasse euch!
Warum mache ich das eigentlich …?

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Unterschätzt

„Warum habe ich nur solche Eltern abbekommen?“, heulte er auf.

Sie. Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

„Es ist nicht wichtig wer oder was deine Eltern sind. Deine Zukunft bestimmst du.“

Er starrte sie an.

Dafür fühlte er sich zu schwach. Ohne Hilfe das eigene Schicksal schmieden. Da könnte er ja gleich vom Hochhaus springen.

Hätte, hätte, hätte …

Hätte Vater einen besseren Job. Hätte der im Leben mehr gelernt. Ach, hätte ihn Mutter nicht geheiratet …

Sie schwiegen.

In die Stille mischt sich ein Song von heute. Die Erinnerung ist blass, fast, als wäre es nicht geschehen. Er erinnert sich nicht mehr, wer sie war.

Doch es muss diese Frau gegeben haben. Sie hat Recht behalten.

©hristoph Aschenbrenner

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Eingeordnet unter 2020, Bei Sem;kolon zu Hause