Peggy Pet Shop Girl

Ich gehörte fast mit zur Familie.
Nach der Schule erst nach Hause. Essen. Hausaufgaben machen. Und wenn Vater von der Arbeit kam, habe ich mich auf das Rad gesetzt und fuhr zu meinem Klassenfreund. So gut wie jeden Tag.
Mir war alles vertraut. Das Grundstück am Ende der Straße. Blick aufs Feld. Die Haustür. Wie sich von außen die Klingel anhörte. Die Mutter, die ich dann fragte, wo mein Freund sei. Sehr freundliche Leute, die einem das unerschütterliche Gefühl gaben: „Du bist hier willkommen!“
Obwohl wir schon vormittags sechs Schulstunden zusammen verbracht hatten, verpasste es dem Tage noch einen Kick, wenn wir zusammen musizierten, durch die Gegend streiften, Tee tranken und diskutierten.
Zudem hatte er eine ältere Schwester. Peggy haben sie sie immer genannt. Fast erwachsen. Einmal würden die Mädchen aus unserer Klasse aussehen wie sie. Ob ich damals wusste, wie man Hormone überhaupt schrieb …?
Die Schwester interessierte sich nicht viel für uns. Was sollte sie auch anfangen mit zwei Träumern im Stimmbruch, wovon der eine ihr eigener Bruder war?
Einmal aber hat sie unsere Hilfe gebraucht. Von ihrem Lehrgeld hatte sie sich einen Stereo-Hifi-Turm gekauft. Ob wir ihn für sie anschließen könnten? Ich bildete mir deswegen eine Menge ein. Ha! Das hätten wir gefesselt und geknebelt in einer Dunkelkammer gekonnt, dabei die letzte Klassenarbeit in Mathe lösend.
Gesagt getan. Peggy wählte einige Singles aus, um die Anlage auszuprobieren. Ihr Zimmer war mir neu. Es war immer dunkel darin. Denn es wuchs ein großer Strauch vor dem Fenster. Das Zimmer war geräumig. Nur richtig wohnen schien darin keiner. Kaum etwas Persönliches. Ohne Unordnung.
Wir hörten „In The Air Tonight“ und „Bette Davis Eyes“. Die Boxen des Turms waren gut!
Man sah Peggy später öfter mit einem Typen im Dunkeln zwischen Hauswand und hohem Strauch knutschen. Es schien jedes Mal ein anderer zu sein.
Was aus ihr wurde, ist mir nicht bekannt. Ich hörte irgendetwas vom Abbruch der Lehrstelle und einer Beschäftigung in einer Zoohandlung.

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2019

Sonntagsbild 488

Tageszeit: Morgen
Sonnenaufgang: 7:38 Uhr
Wetter: teils bewölkt & 1 °C
Stimmung: derangiert
Chrizzy muss draußen nicht mehr die Pfosten von Straßenschildern hochklettern, um die Schrift zu entziffern. Jetzt geht es aus einer coolen Distanz…

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 2019, Sonntag, Sonntagsbild

Ausbildungsplan für Schalterbedienstete der DP

1. Lehrjahr: Stift hinter das Ohr stecken und balancieren. Nach Rücksprache mit der Berufsgenossenschaft ist eine Korrektur-OP möglich. Nur einseitig.

2. Lehrjahr: Briefmarkenanfeuchter feucht halten.

3. Lehrjahr, 1. Halbjahr: Briefmarken abreißen.

3. Lehrjahr, 2. Halbjahr:

Stufe I, 3 Monate: Paketannahme verweigern aus einem mehrbändigem Kompendium von Gründen. Mitarbeiterverbesserungsvorschläge ausdrücklich erwünscht!

Stufe II, 3 Monate: Restliches Fachwissen inklusive Beratung für Postbankkunden.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2019

Sonntagsschau

In einem Haushalt geht die Waschmaschine in den Schleudergang. Absolut nicht ungewöhnlich. Zehn Mietparteien. Sonntagabend. Meine Waschmaschine benutze ich auch, wann ich will.
Neu ist nur, dass ich es mitbekomme.
Letzte Woche müssen Neue eingezogen sein. Zu Gesicht habe ich aber keinen bekommen. Oder doch? Dem ich die Haustür aufhalten wollte, der sich bedankte, aber in den Keller musste. Mit einem Karton voll Kram. Mir war aufgefallen, dass er sächsisch sprach. Oder schwäbisch? Oder was weiß ich?
Vielleicht ist er ja auch nicht der neue Mieter. Bruder, Freund oder Cousin von dem, das gerade die Waschmaschine ausräumt. Das Sprachgenie könnte den Vollwaschautomaten angeschlossen haben …
All die flüchtigen Begegnungen. Kommen. Gehen. Wenn ich starte, weiß ich nicht mal, ob ich ankomme.
Es gibt nur schwer. Leicht war, im Sommer die Socken vor dem Kindergarten anzuziehen, die einem Mutter raus gelegt hat. Ohne Hilfe Schnürsenkel zubinden, hat lange gedauert. Ich wollte es doch schon früher können!
Zur Zeit lerne ich, dass ich noch so lange auf dem Sofa liegen und Serien einsaugen kann, aber nie Frau Liu aus der Küche kommt und mir etwas Warmes zu essen hinstellt. Bin ja auch kein Ex-Junkie. Ich kann ja noch etwas warten, ob jemand anderes …

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2019

Sonntagsbild 487

Tageszeit: Morgen
Sonnenaufgang: 7:52 Uhr
Sonnenuntergang: 17:35 Uhr
Wetter: regnerisch & 7 °C
Stimmung: verwegen
Chrizzy schaut ins Innere von Gaia, Göttin der Erde…

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Sonntag, Sonntagsbild

Hans

Der Hans ist in die Welt gezogen. Hat Vater und Mutter in dem kleinen Dorf zurück gelassen. Zum Abschied gab ihm die Mutter keinen Kuss, Hans war ja nicht mehr klein.
In der großen Stadt ging er zur Universität. Er dachte, alles könne er schaffen und hatte viel Spaß. Mit seiner großen Klappe käme er überall durch, glaubte er. Aber die anderen sahen in ihn nur einen Bauerntrottel.
Eine hat ihm noch zugehört. Eine, die hörte, was er nachts in ihrem Bett im Schlaf murmelte. Eine, die Geduld mit ihm hatte.
Eines Tages strich das BaföG-Amt Hans Geld. Er hatte mehr gelebt als studiert. Er musste den Gürtel enger schnallen, die Zähne zusammen beißen und die Ärmel hoch krempeln. Zurück in die Heimat ging er nicht.
Heute ist Hans in Rente. Er geht wieder zur Uni – Studium im Alter. Und jene, die ihm zuhörte, ist Lehrerin geworden. Irgendwo. Auf dem Land.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2019

Sonntagsbild 486

Tageszeit: Mittag
Sonnenaufgang: 8:04 Uhr
Wetter: blauester Himmel & 3 °C
Stimmung: herrlich
Chrizzy hat nicht, schiebt nicht sondern spielt den Blues…

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 2019, Sonntag, Sonntagsbild

Wieder allein

4 Uhr morgens. Leise gehst du im Treppenhaus die Stufen hinab. Wie eine Diebin. Ich warte an der halb offenen Wohnungstür bis die Haustür ins Schloss fällt.
Vom Balkon aus sehe ich dich dann auf dem Parkplatz ins Auto einsteigen. Motor starten, Licht, Gurt anlegen, Gang rein. Du fährst los, einmal sehe ich noch die Bremslichter an der Hauptstraße, dann bist du verschwunden.
Ich fühle mich warm, befriedigt, bis ins Mark verliebt. Ich blicke hinauf.
„So viele Sterne!“
Ich kann dich an mir riechen. Ich gehe rein, lass die Balkontür auf. Ich ziehe mir noch nichts an. Werfe mich ins Bett. Überall du. In den Kissen, in den Laken, im Federbett. Trinke deinen Drink aus, den du nach zwei Schluck stehen gelassen hast.
Ich scheine zu vibrieren. Jede meiner Körperzellen verlangt nach deiner Nähe.
Dieses merkwürdige Gefühl zwischen wohliger Müdigkeit und der Ausdauer, die Nacht aufrecht zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2019