Schreib-Schule

Ich bin furchtbar böse und gemein: Wenn es wieder eine Welle von Plakaten der „Schule des Schreibens“ in unserer Stadt gibt, muss ich mich immer beömmeln. Optisch sind die Plakate immer gleich. Links eine Frau mit langem Hals, brünetten langen Haaren, deren freudestrahlende braune Augen nach oben schauen, da sie ein dickes Buch auf dem Kopf balanciert. (Der Hals ist in Wirklichkeit nicht so lang, da es aber ein Plakat im Längsformat ist, musste er mit der Bildbearbeitungssoftware gestreckt werden.)
Dann kommt der „Befehl“: „Schreib! Dein! Buch!“ Mit drei Ausrufezeichen. Soll es motivieren? Wozu, später mehr.
Männer, die unter Schlaflosigkeit litten, – oder vielleicht auch Frauen – kannten Fernsehsender, die Werbung für die unseriöse Sexdienste (gibt’s auch seriöse?) mit der Rufnummer Null Hundertneunzig 66 66 66 liefen ließen. Da war jene leicht bekleidete Frau um die 40 mit naturbelassenen großen, großen Busen, die befahl: „Ruf! Mich! An!“ … habe ich mir sagen lassen.
Auf diesen Plakaten der Schreib-Schule kommt dann noch der Hinweis auf den Urheber und das Prädikat „Deutschlands größte Autorenschule“. Das mag stimmen oder nicht. Mein Spaßfaktor ist immer der Umstand, dass Autoren eine Schule brauchen. Ich finde nämlich nicht. Das alles wirbt übrigens für Fernlehrgänge.
Ich habe mal recherchiert. Im Internet. Habe mir auf der Homepage der Buchträgerin einen Überblick verschafft. Was man raus kriegen kann, ist der Ansatz, dass für das Schreiben von Romanen, Kinderbüchern, Krimis usw. nicht so sehr ein Talent Voraussetzung ist, sondern das Handwerk. Das gute Handwerk. Und das lernt man z. B. In „Die Große Schule des Schreibens“. Der Fernlehrgang umfasst 36 Monate, es gibt Lehrmaterial, Einsendeaufgaben und am Ende ein Zeugnis. OK, aber wie viel kostet der Spaß, wie viel müsste ich dafür löhnen?
Nebenbei, ich habe durchaus einen Bezug zu dem Begriff Talent. Ich habe zu viele talentfreie Schreiber in meiner Autorengruppe kommen und gehen gesehen.
Ich finde, die meisten haben 10 Schuljahre Zeit und Gelegenheit gehabt, ein Handwerk in Bezug auf die Kulturtechnik Schreiben zu erlernen. Bestimmt auch in dem Fach Deutsch Kenntnisse wie Interpretation und Analyse von literarischen Texten – ohne dass ich von einem Abitur spreche. Des weiteren kann man sich prima bilden durch aufmerksames Lesen von Büchern, von der Jugendabteilung bis zur Hochliteratur der städtischen Bücherei. Ein Autor wird schon immer den Drang gehabt haben, seine Sprache zu entwickeln – und dann einfach ran ans schreiben, meine ich.
OK, nehmen wir an, der staatlich zugelassene Kurs der „Schule des Schreibens“ interessiert mich. Also was kostet mich das? Ich finde keine Preise! Auf der kompletten Homepage gibt einige Links zum Thema Kosten, doch sie führen alle an die gleiche Stelle, den Servicebereich! Dort gibt es nur die Telefonnummer zur persönlichen Beratung und ein Eingabeformular, wo man seine Adresse eintragen kann, um Post zu kriegen. Das ist eindeutig Nepp! Wieso beantworten sie eine so einfache und grundsätzliche Frage nicht auf ihrer Homepage? Wenn ich anriefe oder mir Post zuschicken ließe, gerate ich dann an perfekt geschulte Wortverdreher, die mir mein zukünftiges Bestsellerleben schmackhaft machen und dann den Vertrag zur Unterschrift vorlegen? Falls es einen gibt?
Ein Freund von mir sagt, man findet alles im Internet. Alles. Also habe ich noch etwas gewühlt. Im Online-Archiv der „taz“ im Artikel „Schreiben können!“ (vom 13.10.2009, Link unten) fand ich es: 36 Monte à 69 € und das macht 2.484 € (laut Recherche meines geschätzten Kollegen simonsegur aktuell 2.988 €). Und weiter steht in dem Artikel, dass diese Sache in Hamburg 1969 den Anfang nahm. Und auch da schon erlebte diese Schule Hohn und Spott von etablierten Schreibern – wie von mir heute.
Natürlich habe ich Verständnis, wenn Wille, Zeit, Motivation – und eben genug Geld da ist, den Traum seines eigenen Buches zu verfolgen. Im „taz“-Artikel kommt eine Teilnehmerin zu Wort, die sich beklagt, dass einem im Land der Dichter und Denker das Schriftstellersein angeboren sein muss, um „im geistigen Vollrausch Meisterwerke“ zu schaffen. Tja, diese „Genies“ gibt es eben auch …

taz Artikel

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In Soest

Ich bin zu einer Zeit zur weiterführenden Schule gegangen, als die Sozialdemokraten die Regierung stellte. Willy Brandt und Helmut Schmidt waren die Kanzler. Nach 20 Jahren konservativem Mief wollten die Sozis Reformen. Überall. Und gerade im Schulsystem. Dafür wurden Gelder locker gemacht.
Das Zauberwort hieß „Zuschüsse“. Zusätzlich zu all den Investitionen in die Erwachsenen von Morgen konnte der Lehrkörper Extragelder beantragen. Beispielsweise für Klassenfahrten. Denn diese wurden immer exotischer und expansiver. Ski fahren? Kein Problem! Nach Österreich, um „Gesteinsbestimmung“ in den Alpen zu machen. Italien? Kein Problem! Sixtinische Kapelle, „Michelangelo für den Kunstunterricht“.
Es schien, als hätten man im Lehrerzimmer eine Europakarte, quatsch eine Weltkarte, aufgehängt und der Sport befände darin, die bereits mit Stecknadeln markierten Ziele von Klassenfahrten zu überbieten. In der Entfernung.
Unser Klassenlehrer war anders. Anders in allen Lebenslagen. Als Mathelehrer bei uns eingesetzt, hat er uns erst mal das beigebracht, was man im Leben wirklich braucht. Schach spielen. Im Ernst!
Unten in der Aula hatte der Hausmeister auf dem dunklen Fliesenboden 64 große Felder abgeteilt und die eine Hälfte weiß bemalt. Vermutlich hatte er eine geraume Weile überlegt, mit welcher Farbe er die anderen bemalen sollte …
Der Schuldirektor hat aus einem Sonderetat 50 cm hohe Figuren drechseln lassen. Und dann lernten wir Aufstellung, Eröffnung, Züge und so weiter. Jäh wurde dieses Amüsement eingestellt, weil eine Horde wütender Eltern das Büro des Direktors frequentierte, um klar zu machen, dass ihr Nachwuchs keine „Logik- und Strategieschulungen“ bräuchte, sondern anständig Rechnen lernen sollte. Mit ein paar Freunden hatte ich weiterhin einen Schachclub …
Der Direx und unser Pauker verstanden sich gut. Wer weiß wo und wann sie zusammen gedient hatten … Solche Banalitäten wie Ablehnung fortschrittlichen Schulunterrichts durch die Eltern und freilich verzerrte Darstellung des Sachverhalts durch ihre Kinder konnten sie nicht aus der Ruhe bringen. Da gab es zwei, drei kräftige Schlucke aus dem Flachmann und man arbeitete weiter daran, diese Welt zu verbessern.
Was ich jedoch nie verstanden habe, war, dass wir zur Klassenfahrt noch Soest fuhren. Soest? Soest?? Hallo? Da ist doch nix los! Gar nix! Da liegt der Hund 24 Stunden, 7 Tage die Woche tief begraben. Ich habe auch keine großen Erinnerungen daran, außer an Herbergsbetten und den Geruch von Jungenschweiß. Und dass ich langsam mit bekam, dass Mädchen in einer vollkommen anderen Realität lebten als ich.
Was wollte unser Herr Cremer, so hieß er, damit bezwecken? Keine Kritik von den Eltern herauf zu beschwören, um dann vielleicht die Genehmigung für eine schönere Fahrt zu bekommen? Im nächsten Jahr fuhren wir mit ihm nach … Gronau …
Jedenfalls die kühnen Ziele auf der Karte im Lehrerzimmer hat er immer drastisch unterboten. Danke, Herr Cremer!

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Sonntagsbild 403

Sonnenaufgang: 5:24 Uhr
Tageszeit: Morgen
Wetter: sonnig & 13 °C
Stimmung: gute Laune
Chrizzy, der letztens in einem geheimen Garten fand, was er brauchte: eine halbe Stunde Ruhe…

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Freitag im Regen

Ich hab ’s mit Regenschirm zur Bushaltestelle geschafft. Nachdem der Postbote und kurz darauf der DHL Fahrer nichts für mich übrig hatten, wollte ich wichtige Besorgungen machen. Bei dem Wetter mit dem Rad? Und dann mit meinem? Ausgeschlossen.
Ich sitze und rauche und denke an nichts. Nicht daran, dass es kühler ist, als erwartet. Nur ein dünnes T-Shirt an. Nicht daran, später noch die Zähne zu putzen. Nicht daran, Montag wieder zur Arbeit zu gehen. Einfach nur auf die Scheibenwischer der vorbeifahrenden Autos starren.
Auf ’nem Fahrrad kommt ein alter Mann an, den ich vom Sehen kenne. Wir grüßen uns mit Blicken und er steigt ab.
„Mal ein Päuschen“, erklärt er und setzt sich zu mir.
Wir beobachten gegenüber eine Baustelle. Er meint, die wären schon lange zugange.
Mir ist wohl in seiner Nähe. Als Kinder sind wir immer zu Hause ins Erdgeschoss gegangen, wo die Großeltern wohnten. Wir schauten ihnen bei ihren täglichen Arbeiten im Haushalt und bei Ruhe zu. Wir hörten zu, wenn sie ihre Geschichten erzählten. 30 Jahre sind sie jetzt tot.
Der Mann neben mir streckt sein Bein aus. Er wird alt aussehende Füße haben – wie mein Vater.
Ich sitze an der Bushaltestelle und warte auf den Bus mit einem alten Herrn und traue mich nicht mehr zu rauchen, weil ich weiß, er raucht nicht. Meist schweigen wir.
In dieses Schweigen fallen Gedankentropfen von oben nach unten in meinen Kopf. Ich lausche ihrem Klang.
Niemand entkommt der Zeit. Niemand. Ich habe schon das Band zerrissen. Das Band zwischen jung und alt. Es kommt einmal der letzte Morgen.
Der Bus. Es gelingt mir, meinen Schirm nicht zu vergessen und ich steige ein. Der alte Mann setzt seine Fahrt fort.

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OUT NOW

Christoph Aschenbrenner: Urbanicity
sonderpunkt Verlag, Greven, Reihe Sonderpunkte 67
Lektorat: Marianne Evrard
ISBN: 978-3-95407-072-5
Taschenbuch, Format A6
ca. 40 Seiten
Preis: 4,90 €

Bald zu bestellen beim sonderpunkt Verlag und Amazon.

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Sonntagsbild 402

Sonnenaufgang: 5:34 Uhr
Tageszeit: Morgen
Wetter: sonnig & 11 °C
Stimmung: entspannter
Chrizzy und das letzte T-Shirt aus dem Schrank sind das letzte…

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Kopfschmerzen

Ich habe heute eine druckerschwärzeschwarze Laune! Da ist das Gemüt eines Scharfrichters nichts gegen. Ga nix! (Der würde mit Plüschtieren spielen, ich würde sie anzünden …)
Alles ist zu viel oder zu wenig. Zu langsam oder schnell. Zu laut zu leise. Ich könnte die Wände anschreien oder wimmernd das Kopfkissen über den Kopf ziehen. Arrrgh!
Wer das mit bekommt, will mir helfen, und fragt nach dem Warum. 1. Mir kann man nicht helfen. 2. Wenn ich es bloß wüsste!
Vielleicht liegt es an der Mondphase oder an dem äußerst wechselhaften Wetter oder meinen Wechseljahren. Mit letzteren plage ich mich schon zehn Jahre rum – es wird nicht besser.
Gehen wir doch nach dem Ausschlussverfahren vor.
Das Baby meiner jüngsten Schwester kommt bald zu Welt und macht mich somit zum Onkel. Aber da liegt die Hauptaufgabe bei der Schwangeren.
Mein Arbeitsplatz wird umgewandelt. Wir Kollegen sind vor vollendete Tatsachen gestellt worden, das habe ich schon häufiger erlebt. Die neue Arbeit ist zu schaffen.
Mein neues Buch ist noch nicht aus der Druckerei …
… Rrrah!
22 Tage wird an der ersten Auflage gearbeitet. Aber dem feinen Herrn Autor geht das nicht schnell genug! Nein, andere Druckaufträge dürfen nicht zu Ende gemacht werden oder Vorrang haben! Die Belegexemplare soll die Lektorin persönlich vorbei bringen – aus Brandenburg und auf einem Silbertablett! Der feine Herr Schriftsteller sollte sich schämen!
Der wiederum kann aber nicht aus seiner Haut. Ein nervöses Nervenbündel war ich schon immer. Wenn ich gut schlafe, so einmal pro Halbjahr, dann ist das wie Urlaub!
Es gibt nur ein Mittel, das hilft. Boden wischen! Einfach feucht mit dem Aufnehmer über die Flächen. Dass es heute schon das dritte Mal ist, bereitet mir auch keine Kopfschmerzen mehr …

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Keine Erleuchtung

Klack! Morgens halb 7 in Deutschland und hier bei mir. Ich habe es ohne irgendwo anzustoßen ins Arbeitszimmer geschafft und betätige den Schalter fürs Deckenlicht.
Bzzz und ein letztes Aufflackern: die Energiesparlampe ist hin! Hilft auch kein dreimaliges weiteres Klack. Sie hat vor allem eins gespart, an ihrer Lebensdauer.
Draußen mag es hell sein, ich weiß es nicht, da die Rollladen noch runter sind, ich brauche hier Licht! Ich taste mich zur Schreibtischlampe. Die hat ein Leuchtmittel aus Halogen, das ist das Flutlicht in der Wohnung.
Klack! Bzzz und ein finales Aufflackern. Ich stehe weiterhin im Dunkeln und zudem auf dem Schlauch. Zwei kaputte Lampen an einem Morgen? Ein technisches Desaster, Sabotage, ein Komplott?
OK, für beide Lampen habe ich vielleicht irgendwo Ersatz? Dazu werde ich mal die Rollladen hochhieven. Um ungeschadet dort hin zu gelangen, benutze ich meinen alten Freund von dunklen Seite der Macht …

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