Autoritätsproblem

Sitze an der Bushaltestelle. Kurz vor acht morgens. Nahebei den Brief eingeworfen. Die Sommerferien sind zu Ende. Der Sommer nicht.
Sehe sie, die zur Arbeit wollen, müssen oder sollen.
Gedanken schweifen ab. Der einzige Weg, Urvertrauen zu bilden, welches nicht natürlich gebildet wurde, ist der Versuch, so zu leben, wie es den eigenen Neigungen entspricht. Abhängig beschäftigt sein, hilft nicht weiter. Das steckt ja schon in der Bezeichnung. Abhängig. Ein Arbeitsvertrag regelt Pflichten. Ködert mit Lohn- und Urlaubsansprüchen. Je nach Arbeitgeber heißt es auch Dienstvertrag. Und will man in Einrichtungen des Landes oder Bundes arbeiten, legt man jeden Morgen sein Recht auf Streik und Gewerkschaften rechts neben dem Eingang in ein Körbchen und nimmt es bei Dienstschluss wieder mit.
Es muss schwer sein, den ganzen Tag allein, nichts zu tun zu haben und bloß irgendwo auf einer Parkbank zu sitzen und rauchen. Ach ja?
Zeit. Ein merkwürdiges Phänomen. Eng verzahnt mit Emotionen. Als Junge zur Mutter gelaufen und gesagt: „Mir ist langweilig! Was soll ich tun?“ Aber ihre Vorschläge waren oft genauso „langweilig“. Und so dehnte sich oft Zeit. Wie die Adventszeit vor der Bescherung. Wie konnte man die lange Christmette überstehen? Überleben? Wenn es zu Hause hätte alles schon los gehen können? Ablenkung. Mit Ablenkung kommt man durch jede Warterei.
Eine zweite Eigenschaft der Zeit, oder derer, die in ihr leben, ist das Zeitrasen. Auf einer wilden Party, ein paar Drinks, alle gute Laune und plötzlich ist es 5 Uhr morgens. Staun! Durch Ablenkung vermutlich ist uns die Zeit davon gerast.
Persönliche emotionalen Momente in der Zeit sind, jemanden zu lieben, geliebt zu werden, und nach einigen Monaten will sie nicht mehr, und wir beenden es. Alles in Slow Motion. Und dann wird es furchtbar, denn die Selbstvorwürfe nehmen überhand, man stemmt sich (vergebens) gegen die kommende Zeit, möchte sie anhalten, zurück drehen, um es wieder gut zu machen. Sich die zweite, die richtige Chance geben. Das kann nicht passieren. Zeit ist grausam.
Lehrerinnen zur Schule. Finanzbeamte. Angestellte. IT-Spezialisten. Verkäuferinnen im Kaufhaus. Maurer. Ernährungsberaterinnen. Krankenschwestern.
Zünde eine Zigarette an.
Bushaltestelle. Wird gerade wegen Bauarbeiten nicht angefahren. Den Sommer lang.

 

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2019

2 Antworten zu “Autoritätsproblem

  1. Der Schluss ist super – chapeau. Was das Urvertrauen angeht, da denke ich, das bekommen wir entweder in früher Kinderzeit über Eltern, Familie, Geborgenheit, Vertrauen – oder wir bekommen es nicht. Sehr schwer, sich später ein „eigenes“ Urvertrauen zu erarbeiten, fürchte ich. Aber egal. Wir haben ja noch Zeit :-)

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    • … kleine Lügen findet der Simonsigur sofort! Ich finde es traurig, wenn die einzige Möglichkeit, Urvertrauen zu erlangen, in der Kindheitsphase ist. Wer es da verpasst hat – natürlich unverschuldet – hat dann die Niete gezogen, oder wie? Das ist ungefähr so schicksalshaft wie an Mutters Brust gesäugte Babys oder nicht. Ach, ich baue mir mein Leben, wie ich es möchte – jetzt!

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