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Abschied von 2016

Permanent lebe ich einen Kompromiss. Beruflichen Tätigkeiten nachgehen und drum herum Autor sein. Das Talent des Schreibens ist erheblich ausgeprägter als die Motivation fremdbestimmte Arbeit zu leisten.
So auch in 2016. Aufgrund einer chronischen Erkrankung ist meine tägliche Arbeitszeit schon lange reduziert. Und ich hatte dieses Jahr einen Ausfall von vier Monaten. Manche Menschen sind davon überzeugt, dass mein Talent durch meine Krankheit bedingt ist. Meine Lektorin zum Beispiel.
Was ich dieses Jahr nicht wollte, war mein runder Geburtstag. Ich verstehe selbst nicht so ganz wieso.
Tja, und so sammelt man am Ende des Jahres alle Für und Wider ein, bilanziert und stellt fest, dass es sowieso unvermeidlich ist, zu 2017 zu wechseln, in die Hände zu spucken und sich selbst nicht zu verlieren. Und eben das wünsche ich Euch auch!

Ich in 2016

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Foto: C. H.

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Scham

Ab einem gewissen Alter muss man gewisse Dinge relativieren. Früher habe ich immer gesagt: „Ich bereue nichts!“ Dazu würde ich heute in der Form nicht mehr stehen.
Im Wintersemester 91/92 kam ich zum Studium in diese Stadt. Das Problem, ich hatte noch keine Wohnung, kein Zimmer. Wohnungsnot. Heikel. Nicht nur, dass die Vorlesungen, Tutorien und Seminare begannen, es war zum Pendeln auch einfach zu weit nach Hause. Da stellte der AStA, der allgemeine Studierendenausschuss, auf einem Parkplatz in der Fliednerstraße Wohncontainer auf. Einen Parkplatz, den es übrigens heute so nicht mehr gibt. Für 4 Mark täglich kam ich dort unter, konnte mit dem Studium beginnen und weiter auf Zimmersuche gehen. Die Atmosphäre war unter uns dort wie auf einem Ferienlager und irgendwann habe ich eine richtige Unterkunft gefunden. Soweit so gut.
Zu meinem kapitalen Fehler, ja, meinem Verbrechen, kam es, als ich in der Fachschaft meines Instituts herumlungerte. Die Studenten dort gaben eine Zeitung für Studierende heraus. Zeitung ist vielleicht übertrieben, aber immerhin. Ich weiß nicht mehr, ob ich von den anderen gefragt wurde oder ich mich selbst anbot. Vermutlich letzteres. Ich durfte einen Artikel über meine Zeit im Wohncontainer schreiben.
Ich habe diese Ausgabe aufbewahrt und mein Artikel liegt aufgeschlagen vor mir. Um Himmels willen! Warum wurde das gedruckt? Stil und Sprache sind blumig, lächerlich und ohne eine erkennbare Stringenz. Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, weshalb ich diese scheußlichen Bilder und Vergleiche benutzte. Würde das heute jemand in meiner Autorengruppe vortragen, ich hätte nicht übel Lust, ihm jegliches Talent abzusprechen.
Nun gut. Ich habe ja dazu gelernt. Damals gab es sicher eine Redaktionssitzung, an der ich nicht teil nahm, wo man beschloss, mit einem klärenden Vorwort, diesen Mist – wohl aus Mitgefühl – in die Zeitung aufzunehmen. Sie haben es wohl bereut, denn aus der Fachschaft wurde ich gemobbt.
Es ist lange her. Nichts ist ungeschehen zu machen. Doch auf diese Veröffentlichung bin ich nicht mehr so stolz, wie ich es damals war.

SAMSUNG

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